Kommentar und Stellungnahme zum DHV Safety Class Testverfahren
14.10.2015
Durch den kürzlich veröffentlichten DHV Safety Class Test über den SENSIS erhalten wir momentan zahlreiche Anrufe und E-Mails von Piloten und Flugschulen mit der Bitte um Stellungnahme, wie das Ergebnis des Safety Tests zu bewerten sei.
Das Paradoxe daran ist, dass wir uns, über ein Jahr nach dem Verkaufsstart des SENSIS, plötzlich und ohne Anlass im Rechtfertigungszwang über einen, in Bezug auf die Sicherheit, bis dato völlig unauffälligen Gleitschirm sehen.
Zunächst einmal muss man wissen, dass der DHV Safety Class Test weder eine offizielle Ergänzung zur Musterprüfung darstellt, noch ersetzt, überprüft oder berichtigt er diese. Es handelt sich hierbei um eine Zusammenstellung von Manövern, die nach Ansicht des DHV Sicherheitsreferats besonders sicherheitsrelevant sein sollen. Bei diesen Manövern geht der Testpilot dann bewusst über die Grenzen der EN/LTF-Normen hinaus, da diese vom DHV offensichtlich für nicht ausreichend erachtet werden, obwohl diese von Experten entwickelt und in den letzten 25 Jahren immer wieder den Schirmentwicklungen angepasst wurden. Was dabei jedoch völlig außer Acht bleibt ist, ob und wie wahrscheinlich diese mit Gewalt erzeugten und vom Piloten gezogenen Manöver in der Praxis auch tatsächlich so vorkommen.
Darüber hinaus stimmt der DHV mit uns überein, dass eine vollständig objektive Bewertung des Sicherheitsverhaltens bei Gleitschirmen gar nicht möglich ist, da nur über provozierte Klapper geurteilt werden kann. Dazu kommen Einflussfaktoren wie atmosphärische Schwankungen, das verwendete Gurtzeug, die Einstellung jenes Gurtzeugs und nicht zuletzt die unterschiedlichen Klappmethoden, die alle Einfluss auf die Schirmreaktionen haben. Für eine annähernde Reproduktion der Manöver müsste man über sämtliche Details des Testverfahrens informiert sein.
Da der DHV uns eine Kopie des Videos der Testflüge leider bis zum heutigen Tag nicht zur Verfügung gestellt hat, haben wir leider keine Möglichkeit, deren Ablauf nachzuvollziehen und die einzelnen Manöver konkret zu kommentieren.
Davon abgesehen ist das Verfahren der Auswertung und Beurteilung der Safety Class Tests bis heute nicht allgemein zugänglich. Somit können die Hersteller, das Verfahren nicht selbst überprüfen. Überprüft und bestätigt wurde uns vom DHV aber, dass der Nachtest-Schirm, so wie das eingelagerte Muster auch, deutlich innerhalb der EN-Anforderungen liegt!
Es ist unbestritten, dass, besonders seit es mehrere Musterprüfstellen gibt, die Verhaltensweisen verschiedener Gleitschirme aus der gleichen Kategorie zum Teil stark unterschiedlich sind. Allein dieser Umstand beweist doch, wie schwierig es ist, einen gemeinsamen Standard zu definieren und eine objektive Bewertung vorzunehmen.
Erklärtes Ziel der DHV Safety Class war es einst, dem Piloten bei der Auswahl des passenden Gleitschirms eine bessere Orientierung zu geben und ihn vor Fehlentscheidungen zu schützen. Wenn die Einschätzungen eines einzelnen Safety Class Testpiloten jedoch in solch krassem Widerspruch zur Musterprüfung und den Praxiserfahrungen vieler Sportpiloten unter Realbedingungen stehen, stellt sich schon die Frage, ob nicht genau ein gegenteiliges Ziel erreicht wird. Um den Schutz der Piloten zu gewährleisten müsste der Safety Class Test zudem zusammen mit der Musterprüfung vor dem Verkaufsstart durchgeführt werden anstatt mit einem Jahr Verspätung die eigene Arbeit als Musterprüfstelle infrage zu stellen. Ob eine Institution wie der DHV überhaupt die Voraussetzungen erfüllt, als eine Art „Stiftung Warentest“ derart in das Marktgeschehen eingreifen zu dürfen wäre an anderer Stelle zu prüfen.
Wir halten den SENSIS nach wie vor für einen sicher zu beherrschenden mid-level EN-B Schirm und berufen uns dabei auf unsere eigene Erprobung, die Flugtests im Rahmen der Musterprüfung und – wichtiger als alles andere – auf die Berichte von hunderten Piloten, Fluglehrern und Sicherheitstrainern aus über einem Jahr Praxiserfahrung.
Schlussendlich muss jeder Pilot für sich entscheiden, ob der DHV Safety Class Test für ihn aussagekräftiger ist als alle anderen Tests und Erfahrungen.
Im Nachfolgenden beschreiben wir noch einmal die konstruktiven Besonderheiten unseres SENSIS und erläutern die daraus resultierenden Eigenschaften:
Sharknose-Profil
Der SENSIS zeichnet sich durch ein sehr ausgeprägtes Sharknose-Profil aus, welches eine überdurchschnittliche Stabilität im Schnellflug garantiert.
Vor einigen Jahren gab es sehr viele Diskussionen über das Testen von Gleitschirmen mit Sharknose. Das Problem war – und ist – dass man Schirme mit Sharknose für die Zulassung sehr gezielt, sauber und dosiert klappen muss, um ein einigermaßen realistisches Verhalten zu simulieren. Ein Klappverhalten, bei dem die Kappe sehr steil einknickt und das ohne Piloteneingriff durchaus dynamische Reaktionen zur Folge haben kann, kann nur durch übermäßiges einseitiges oder unkontrolliertes Herunterziehen der A-Gurte provoziert werden. Berichte aus der Praxis über ein solches Klappverhalten des Sensis liegen uns bis zum heutigen Tage nicht vor.
Zur Erinnerung: Die EN-Norm dient dazu, unterschiedliche Schirme und Schirmtypen fair und vergleichbar zu testen und entsprechend zu kategorisieren. Dabei handelt es sich aber um ein Verfahren das durch Herunterziehen der Tragegurte einen Klapper simuliert. Niemand kann mit Bestimmtheit sagen, dass sich nicht-provozierte Klapper in der Realität genau gleich einstellen werden wie bei der Simulation. Es handelt sich also höchstens um ein Annäherungsverfahren, das durch seine Mittel allerdings Schirme benachteiligt, die moderne, technische Lösungen zur Vermeidung von Kappenstörungen bieten: Zwei- und Dreileiner-Konstruktionen, Reflexprofile und eben auch die Sharknose-Profile sind Beispiele für derartige Lösungen und haben sich in der Praxis längst bewährt.
Speedsystem
Der SENSIS hat ein extrem leichtgängiges Speedsystem.
Dank der Umlenkrolle zwischen A- und B-Gurt braucht es bei der Einleitung, wie auch beim Halten nur wenig Kraft.
Gleiches gilt für die Rückstellung des Kappenprofils: Denn ist der Reibungswiderstand der Beschleunigerseile zu groß (z.B. durch Reibung von zu dickem Leinenmaterial an der seitlichen Stoffverkleidung des Gurtzeuges und/oder nicht in Zugrichtung angebrachten Ösen), reicht die Rückstellkraft der eingeklappten Fläche unter Umständen nicht aus, um den Beschleuniger in die Null-Stellung zurückzuziehen.
Unter solchen Umständen muss mit unkontrollierten Reaktionen der Kappe gerechnet werden. Dies zu vermeiden, wurde im DHV-Info mehrfach dazu aufgefordert, den freien Lauf der Beschleunigerseile im Gurtzeug zu überprüfen und diese gegebenenfalls mit dünneren, besser rutschenden Dyneema- Seilen auszutauschen.
Auf Fotos zu dem diskussionswürdigen Nachtest der DHV Safety Class kann man erkennen, dass der DHV-Nachtestpilot ein Acro-Gurtzeug mit auffällig dicken Beschleunigerleinen verwendet. Eine nicht einwandfreie Rückstellung des Beschleunigers bei den Flugtests wäre eine mögliche Erklärung für das Resultat.
Steilspirale
Wann ein Schirm in die stabile Steilspirale geht, ist von der Einleitung, dem Gurtzeug und vor allem der Brustgurt-Einstellung abhängig. Der SENSIS ist ein schneller Schirm, der gut auf Steuerleinenzug reagiert. Während seiner Zulassung war besonders auffällig, dass er außergewöhnlich schnell und zuverlässig selbstständig aus der Spirale ausleitet (siehe Testflugbericht der Musterprüfung, Einstufung: A!).
Auch deshalb ist für uns das Ergebnis des Nachtests nicht nachvollziehbar. Die einzig mögliche Erklärung ist, dass die Spirale mit Gewalt soweit beschleunigt wurde, dass der Schirm - wie jeder andere Gleitschirm auch - irgendwann in die stabile Steilspirale überging. Da der Testpilot für die überprüfte M-Größe eigentlich zu leicht ist, könnte dieses Manöver zudem mit Ballast geflogen worden sein. Sollte dem so gewesen sein, wäre es eine weitere Erklärung für das Spiralverhalten, da seit vielen Jahren bekannt ist, dass eingehängte Zusatzgewichte durch die unrealistische Massenverteilung das Spiralverhalten negativ beeinflussen.
Vom DHV wurde uns mündlich bestätigt, dass die Spirale tatsächlich erst bei deutlich mehr als der von der Norm angegebenen 14m/Sek Sinkgeschwindigkeit stabil wurde.
Bis heute bekamen wir keine einzige Rückmeldung von Piloten, die mit dem SENSIS in der Steilspirale Probleme hatten.
Fazit:
Ein Gleitschirm wird weder gefährlicher, noch sicherer durch ein neues oder geändertes Testverfahren. Der Gleitschirm bleibt derselbe. Es stellt sich allein die Frage nach der Praxisrelevanz des jeweiligen Testprozederes für den Piloten: Ist es sinnvoll, sich dogmatisch an einer Kategorisierung zu orientieren, deren Praxisrelevanz ebenso infrage gestellt werden kann, wie die der Musterprüfung?
Als Gedankenspiel sei hier unser Schul- und Einsteigermodell ARCUS (1) genannt, der, gemessen an den Verkaufszahlen, so wenig wie kein anderer Gleitschirm in der Unfallstatistik erscheint. Trotzdem würde der ARCUS nach heutigen Kriterien weder eine A-Einstufung erhalten, noch dürfte er in der Schulung eingesetzt werden, da die Nickwinkel in der Norm für die Manöver zwischenzeitlich begrenzt wurden.
Swing Sensis Nachtests laut DHV Safety Class
Swing Sensis Nachtests laut DHV Safety Class from SWING Paragliders on Vimeo.
Sensis DHV-Testflugprotokolle:
http://www.dhv.de/db1/source/technictestreport2.php?item=-2683&lang=de
Weiterführender Beitrag von Lucian Haas:
http://lu-glidz.blogspot.co.at/2015/10/von-den-untiefen-der-safety-class.html
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